95. Jahrestagung
Vereinigung der Bayerischen Chirurgen e.V.
18. bis 20. Juli 2018
Kongresszentrum Garmisch-Partenkirchen

Eröffnungsrede Holger Vogelsang


Eröffnungsansprache anlässlich der 95. Jahrestagung der Vereinigung Bayerischer Chirurgen e.V.
19.7.2018 Kongresszentrum Garmisch-Partenkirchen

Eröffnungsrede

Sehr verehrte Gäste, Mitglieder und Besucher der 95. Jahrestagung der Vereinigung bayerischer Chirurgen,

als Vorsitzender darf ich Sie im Namen der Vereinigung mit einem herzlichen „Grüß Gott“ heute hier in Garmisch-Partenkirchen willkommen heißen.

Diese Eröffnung hat eine klare Botschaft:

Die Chirurgie in Ihrer Gesamtheit in Bayern ist wissenschaftlich und klinisch leistungsstark, wie das breite Programm über die vielen chirurgischen Fächer hinweg wiederspiegelt.

Die Chirurgie begreift sich als integrativer gestaltungswilliger Partner innerhalb der Kliniken gegenüber der Krankenpflege, anderen Fachdisziplinen und den Krankenhausadministrationen, außerhalb der Kliniken gegenüber den Kostenträgern, der Industrie und der Politik. Alle Partner sind Mitveranstalter oder Gäste dieser Jahrestagung und in das Programm integriert.

Die Vereinigung bayerischer Chirurgen ist wissenschaftliche, fachliche und emotionale Heimat in einer globalisierten Welt und bietet sich als Netzwerk für Kooperationen, Austausch, regionale strukturelle und gesundheitspolitische Gestaltung an. Sie gibt der Chirurgie im Freistaat Wurzeln und Gesicht in einer Zeit häufig globalisierter Entwurzelung und Anonymität. Sie hat damit auch eine gesundheits-, ja mehr noch auch eine gesellschaftspolitische Dimension

Ich möchte zunächst diejenigen persönlich begrüßen, die durch Ihre Anwesenheit die heutige Eröffnung bereichern und unserer Einladung gefolgt sind, aber im Weiteren nicht das Wort ergreifen werden:

  • das Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie mit Delegierten aller chirurgischen Fachgesellschaften,
  • Vertreter der chirurgischen Fachgesellschaften Österreichs, Schweiz und Tschechien, stellvertretend den Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie Prof. Albert Tuchmann,
  • Professor Tom DeMeester von der University of California, USA,
  • das Mitglied des Landtages und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums Harald Kühn,
  • den zweiten Bürgermeister der Markgemeinde Wolfgang Bauer,
  • den Geschäftsführer des Klinikums Bernwart Schröter,
  • die Mitglieder des Aufsichtsrates, des Gesundheitsausschusses und des Gesundheitsbeirates der Gesundheitsregion, unter ihnen Bürgermeister und Räte im Landkreis,
  • die Kolleginnen und Kollegen aus dem Klinikum und der BGU Murnau,
  • die Vertreter der Einkaufsgenossenschaften, medizintechnischen und pharmazeutischen Industrie,
  • Angehörige verstorbener Mitglieder und Vorsitzender, stellvertretend Sie, liebe Frau Probst, aus Murnau,
  • Freunde und Förderer aus der Region
  • und die Vertreter der Presse.

Das Motto „Ganzheitliche Chirurgie“ integriert die eingangs formulierten Botschaften, stellt aber zunächst den Blick auf den gesamten Patienten in den Vordergrund. Auch der Chirurg ist Arzt, ist Diagnostiker, der den ganzen Patienten sehen muss, wenn er die richtige Diagnose sucht und die Entscheidung zu einer Therapie stellt, die ja nicht immer eine Operation ist aber sein kann. Hier findet sich ein Zerrbild der Wahrnehmung der Chirurgie in den Medien:

Nicht die abgewogene chirurgische Entscheidung, nicht der Erfolg chirurgischer Behandlungen prägt das Bild in der Öffentlichkeit sondern das angeblich zu häufige und dann auch noch fehlerhafte Operieren.

Dieser ganzheitliche Blick auf den Patienten,

  • seine Begleiterkrankungen und Medikamente
  • seine Einstellung zur Erkrankung, seine Ängste und Sorgen,
  • seine Persönlichkeit und soziales Umfeld

müssen Teil der Entscheidungsfindung sein. Der ganzheitliche Blick steht nicht im Widerspruch zur Spezialisierung in der Chirurgie und Medizin generell, er macht ein ganz natürliches Spannungsverhältnis aus. Es kennzeichnet den spezialisierten Chirurgen in seiner ärztlichen Reife, wenn er diesen ganzheitlichen auf seinen Patienten erkennen lässt. Der Chirurg muss die Möglichkeiten der anderen chirurgischen Spezialfächer kennen, um komplexe Behandlungspläne erstellen zu können, er muss Behandlungsmöglichkeiten der konservativen Fächer kennen, um die Alternativen und Ergänzungen zu seiner operativen Behandlung zu erwägen. Er kommt seiner juristischen Pflicht einer umfassenden Aufklärung nur nach, wenn er die Behandlungsalternativen richtig abwägt und jederzeit das Recht auf eine Zweitmeinung für den Patienten aktiv betreibt.

Der Chirurg muss auch einen ganzheitlichen Blick auf sich selbst, als Chirurg und Mensch, haben. Er ist Teil eines Teams, nicht Einzelkämpfer, multiprofessionell, mit der Pflege, anderen Fachdisziplinen, den Berufsgruppen in der Technik, EDV und Administration. Sein Erfolg ist von der Leistungsfähigkeit dieses großen Teams nachhaltig beeinflusst.

Frühzeitig werden neben den medizinisch-chirurgischen Fähigkeiten juristische, betriebswirtschaftliche, planerische und mediale Fähigkeiten erwartet. Einfühlsamkeit, Patientenorientierung und dennoch eine professionelle emotionale Distanz sind wichtige grundlegende Anforderungen. Die Chirurgin und der Chirurg sollen lebenslanges Lernen, geistige und körperliche Fitness und emotionale Ausgeglichenheit in eine längere Lebensarbeitszeit einfließen lassen. Fit für die Chirurgie werden und dann auch zu bleiben ist eben keine alternativlose Aufgabenstellung, da verlassen manche die Chirurgie und halten nicht einfach nur durch. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich geändert. Wir sind nicht mehr, Gott sei Dank, in einer ständigen Wiederaufbauphase, die auf Phasen der Zerstörung folgt. Es ist nur natürlich, dass die großelterlichen und elterlichen Werte, Ideale und Vorbilder wie bedingungslose Leistung, autoritär begrenzte Kreativität und Wohlstandsvermehrung in dieser Form nicht mehr gelten. Unsere heutige junge chirurgische Generation hat ein Recht und Anspruch darauf, aus ihrer veränderten Wertewelt heraus ein Ausbildungsangebot, definierte Rahmenbedingungen und Entwicklungsoptionen im Sinne einer verändert definierten Lebensqualität einzufordern. Die Aufgabe der in leitender Funktion tätigen Chirurgen, und da beziehe ich alle Oberärztinnen und Oberärzte mit ein, ist es aber, in dieser sich natürlich wandelnden Arbeitswelt Führung zu geben und Vorbild zu sein, sich nicht konfrontativ in die schockstarre Schmollecke zurückzuziehen sondern miteinander diese ganz natürliche Entwicklung zu gestalten. Das motiviert unsere Mitarbeiter, das vermittelt und formt nachhaltig die Werte, die aus der Geschichte unseres Fachgebietes heraus die Gegenwart und Zukunft gestalten. Wer fördert darf und muss geradezu fordern. Hier bietet die Vereinigung der bayerischen Chirurgen eine regionale Plattform für den Dialog der Generationen.

Vorbilder und ganzheitliche Perspektiven haben auch eine gesellschaftliche Dimension. Wir Chirurgen sind an der Verwaltung solidarischer gesellschaftlicher Ressourcen beteiligt, das betrifft die Krankenkassenmitgliedsbeiträge und Krankenhausinvestitionen. Daher sind hier Politiker anwesend und am Mittag eine Diskussionsrunde mit Krankenkassen geplant. Wir streben eine faire Gesundheitsversorgung unserer Bevölkerung an, das macht uns neben unserem Bürgerdasein zu einem Homo politicus:

Wir wollen und müssen mit der medizintechnischen und pharmazeutischen Industrie transparent, themen- und patientenorientiert kostenbewusst zusammenarbeiten. Der diesjährige Kongress bemüht sich um diese transparente Kooperation, indem die Firmen selbst bei gemeinschaftlichen Themen wie „High Tech-Operationssäle“ und „Wundbehandlung“ als präsentierende und Vortragende eingebunden sind.

Wir bemühen uns um eine Integration von Chirurgen im Rahmen der innereuropäischen und weltweiten Migration sowie insbesondere vor Krieg, Gewalt, Folter und Diskriminierung geflüchteter Ärzte und Chirurgen. Eine Überprüfung von Zeugnissen und Abschlüssen in Ehren, aber einige Ärzte erleben ähnlich verstörende und erniedrigende Rahmenbedingungen wie die aus Deutschland geflüchteten und vertriebenen Ärzte vor über 80 Jahren, die oft ohne Berufs- und Arbeitserlaubnis, erst ihre Examen und Abschlüsse wiederholen mussten, bevor sie unter erschwerten Bedingungen in ihnen fremden Gesundheitssystemen mit mangelhaften Sprachkenntnissen Fuß fassen mussten. Deutschland erlebte in dieser Zeit einen Verlust wichtiger Bevölkerungs- und Berufsgruppen, ganz vergleichbar mit Syrien aktuell. Wir behandeln alle Patienten ungeachtet irgendwelcher Attribute, und integrieren alle Chirurgen, die sich in unsere Berufsordnung und Gesellschaft einordnen. Das war nicht immer so, die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie hat sich ihrer historischen Verantwortung gestellt und die Geschichte der Gesellschaft während der Naziherrschaft sowie das Schicksal über 300 verfolgter Mitglieder der Gesellschaft dokumentiert. Dieses Projekt wurde finanziell durch die Vereinigung bayerischer Chirurgen unterstützt. Stellvertretend sei das Schicksal eines Chirurgen erwähnt, der 1887 in Prag im heutigen Tschechien geboren wurde und 1962 in Garmisch-Partenkirchen verstarb:

  • Prof. Dr. phil. Dr. med. Bruno Pribam,
  • als Jude im Reichsärzteverzeichnis geführt,
  • weil die Mutter väterlicherseits jüdischer Abstammung war,
  • 1937 Flucht nach England, dort erneut Examen abgelegt,
  • über Shanghai; London , New York 1957 nach Garmisch-Partenkirchen.

In ihrem Vorwort schreiben die Herausgeber, die Professoren Bauer und Steinau:

„Wie die Biographien zeigen, entstehen, falls die Emigration gelingt, selbst für erfahrene Chirurgen entehrende Hürden, z.B. erneute Assistenzjahre, Examensprüfungen und Arbeitslosigkeit, was insbesondere älteren Kollegen mit Sprachschwierigkeiten erhebliche Integrationsprobleme bereitet.“

Auch Professor Nissen, dessen Antirefluxchirurgie in einer nachfolgenden Hauptsitzung ein Thema sein wird, musste in New York alle Aus- und Weiterbildungsprüfungen erneut ablegen und wurde über einen türkischen Pass als US citizen eingebürgert, Deutsche, auch Emigranten, waren nicht besonders willkommen.

Ein Homo politicus sind wir auch im Bereich der humanitären Chirurgie, wenn wir die Genfer Konvention, Menschenrechte und Völkerrecht einfordern. Eine Sitzung zu diesem Thema fand bereits gestern statt.

Die ganzheitliche Sichtweise auf die Chirurgie erlaubt mir einen Einblick in die aktuelle Pflegedebatte. Kranken- und Altenpflege sind längst aus dem Dunstkreis der Samaritertätigkeit preiswerter Ordensschwestern herausgetreten. Wir wollen eine leistungsfähige spezialisierte Chirurgie? Dann brauchen wir dazu die passende Pflegeprofession, auf Augenhöhe im Behandlungsteam, mit praktischer und akademischer Ausbildung, hochprofessionell, mit starker Selbstverwaltung, ansprechender Langzeitperspektive im Beruf und adäquater Bezahlung. Bayern verfügt über keinen pflegewissenschaftlichen universitären Lehrstuhl und lehnt das Konzept der Pflegekammern ab. Die medizinische Versorgung durch Ärzte und Pflegekräfte muss uns im Rahmen unserer gesellschaftlichen Ansprüche etwas wert sein, Geiz ist hier nicht geil! Mit dem Einkommen eines Pflegeberufes muss man überall in Deutschland gut leben können. Wir führen europaweit eine Debatte über muslimische Überfremdung, europäische Binnenmigration und fehlende Integrationsbemühungen und hören mal wieder nationalistische, nazistische, diskriminierende und ausgrenzende Polemik von rechts. Wir beklagen wieder zunehmenden Antisemitismus. In dieser Situation werden motivierte und qualifizierte Fachpflegekräfte in Albanien mit Deutschkursen darauf vorbereitet, die durch Versäumnisse in Deutschland entstandenen Pflegelöcher zu stopfen. Ist das fair aus deutscher Sicht, geschweige denn aus albanischer Perspektive?

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich am Schluss allen danken, die als Redner, Vorsitzende, Tutoren, Organisatoren und Sponsoren an der Vorbereitung und Durchführung der Jahrestagung beteiligt waren, hierfür ein herzliches „Vergelt’s Gott“.

Wir wünschen uns für diese Jahrestagung einen regen, auch kontroversen Austausch mit einem nachhaltigen Ansatz aller Berufsgruppen.

PD Dr. med. Holger Vogelsang
Vorsitzender der Vereinigung Bayerischer Chirurgen 2017/2018

Medienkooperation:

 

Haus Hammersbach

 

ESB